Vor etwa einem halben Jahr schrieb ich einen Artikel über die 7 agilen Sünden. Da ich mir sicher bin nicht der Einzige zu sein, der die eine oder gar mehrere dieser Sünden auf sich geladen hat, möchte ich hier Wege aufzeigen, wie man für die einzelnen Sünden Buße tun kann.

Aufhören zu Lernen

Ein erster Schritt um Reue zu zeigen wäre, eine lernfreudige Umgebung in Ihrer Firma zu schaffen. Eine Möglichkeit ist z.B. die Einführung von sog. Brownbags. Diese unterstützen den kontinuierlichen Lernprozess und fördern den Erfahrungsaustausch unter Kollegen. Dies kann ein erster Eckstein sein, um eine “Kultur des Lernens” in ihrer Arbeitsumgebung zu etablieren. Warum also nehmen Sie nicht einfach ihr Lieblingsthema und laden gleich morgen zum ersten Brownbag ein?

Nicht zuhören

Manchmal scheint es, dass Zuhören eine vergessene Kunst geworden ist. Gerade Männer haben hier einiges nachzuholen (fragen sie mal ihre Frau). Aber hier gibt es Abhilfe, denn Zuhören kann man lernen! Es gibt eine Reihe von Büchern, die sich diesem Thema annehmen. Eines davon ist “Die Kunst des Zuhörens“ von Francesco Torralba. Es ist schnell gelesen, und ein guter Start auf dem Weg ein besserer Zuhörer zu werden. Zusätzlich empfehle ich noch den TED talk von Julian Treasure “5 Ways of Listen Better”. Eines der Dinge, die ich aus dem Talk mitgenommen habe, ist das Akronym RASA. Es kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie Essenz. Das Akronym steht für:

  • Receive (Empfangen)
  • Appreciate (Wertschätzen)
  • Summarize (Zusammenfassen)
  • Ask (Nachfragen)

Wenn Sie sich diese Abkürzung bei der nächsten Diskussion vor Augen halten, kann es ihnen helfen, mehr aus einer Unterhaltung mitzunehmen. Wenn sie also zu den Leuten gehören, die sich diese Sünde aufgeladen hat, lernen Sie besser zuzuhören.

Nicht denken

Reue hierfür zu zeigen, ist einfach – fangen sie an zu denken! Die Menschen hinter XP, Scrum und Kanban sind große Denker. Aber: sie kennen IHREN Kontext nicht. Bevor sie also blind einem Buch folgen, sollten sie sich erst einmal damit beschäftigen, WARUM man der einen oder anderen agilen Praktik folgen soll. Eine gute Übung ist es, die verschiedenen agilen Praktiken auf ein oder mehrere agile Werte und Prinzipien abzubilden. Das kann ein erster Schritt auf Ihrer Reise sein, die Theorie hinter den agilen Frameworks zu verstehen.

Sei dogmatisch

Wenn Sie hier Reue zeigen wollen, dann müssen sie wohl oder übel über den Tellerrand hinaus blicken. Es gibt immer wieder “Agilisten”, die der Meinung sind, dass es vor dem Auftauchen von agilen Praktiken keine erfolgreiche Projekte gab. Gottseidank stimmt das nicht. Es gibt und gab eine Menge von erfolgreichen „Wasserfall“ oder V-Modell-Projekten. Und es gab eine Institution,  die Best Practices daraus extrahiert und aufgeschrieben hat: das PMI. Lesen Sie also den PMBOK Guide. Ich bin sicher, dass sogar Hardcore-Agilisten ein paar wertvolle Anregungen in diesem Buch finden werden.

Ignoriere agile Werte und Prinzipien

Im Buch “Coaching Agile Teams” von Lyssa Adkins beschreibt sie den “High Performance Tree”. Er soll dazu dienen, die agilen Werte und Prinzipien sichtbar zu machen und dem Team somit zu ermöglichen, daran zu arbeiten. Lyssa Adkins hat dazu ein kurzes Video erstellt, in dem sie beschreibt, wie der Baum zustande kommt und was er bedeutet. Den Baum kann man auf viele Arten nutzen. Eine davon ist in einer Retrospektive. So kann man z.B. die Frage stellen: „Warum passierte dies oder das im letzten Sprint? Wurden die agilen Werte verletzt (die Wurzeln des Baums)?“ oder „An welcher High-Performance-Eigenschaft wollen wir im nächsten Sprint arbeiten?“. Wenn der Baum im Teambüro aufgehängt wird und damit für jeden sichtbar ist, wird er Teil des täglichen Arbeitslebens. Lange Rede kurzer Sinn: Erstellen sie einen High Performance Tree mit ihrem Team, machen sie ihn sichtbar und nutzen sie ihn in der nächsten Retrospektive.

Missbrauche den agilen Werkzeugkasten

Ich befürchte, hier müssen sie (im übertragenen Sinne) zu einem Priester gehen. Holen sie sich einen externen Coach, der bereits in anderen Projekten Erfahrung mit agilen Methoden gesammelt hat und lassen sie sich helfen. Meines Erachtens wird diese Sünde immer wieder von unerfahrenen Teams begangen. Ich hatte z.B. schon den Fall, dass die einzige Trainingsmaßnahme eines Teams, das Lesen der Scrum Beschreibung auf Wikikpedia war. Natürlich kann es da anfangs Missverständnisse geben. Aber auch fortgeschrittene Teams können von einem erfahrenen Coach profitieren, der das Team beim effektiven Einsatz des agilen Werkzeugkasten unterstützt.

Keine Transparenz

Das ist meines Erachtens die Todsünde schlecht hin. Aber auch hier gibt es einen einfachen Weg zur Besserung: seien sie noch transparenter als bisher. Verstecken sie ihre Backlogs und Scrum Boards nicht in einem elektronischen Tool. Machen sie es sichtbar. Hängen sie ihre Ergebnisse an die Wand, nicht nur im Teamraum, sondern auch auf den Flur oder nahe bei den Manager-Büros. In einem meiner letzten Projekte führte ich ein so genanntes Master Board ein, um das Scrum of Scrum Meeting jeden Morgen zu unterstützen.

Masterboard for 5 Scrum teams

Masterboard für 5 Scrum-Teams

Jede Zeile steht für ein Team und die Karten am Board zeigen, an welchen User Stories (nicht: Tasks) die Teams derzeit arbeiten. Das half uns, den großen Blick auf das Gesamtprojekt zu bekommen. Zusätzlich gab es Ampeln, die den Projektstatus wieder gaben.

Dashboard für das Management-Team

Dashboard für das Management-Team

Oben links wurde der Gesamtstatus eines jeden geplanten Release visualisiert. Oben rechts wurden die offenen Punkte (Risiken und Probleme) aufgelistet. Der Quadrant unten links zeigt für jedes Team die Epics, an denen es gerade arbeitet und unten rechts werden die zuletzt gelieferten Epics aufgezeigt. Durch diese Transparenz war es möglich, alle sonstigen Statusreports zu streichen. Das Management konnte sich jederzeit auf einen Blick über den Status des Projekts informieren. Eine Möglichkeit der Buße (um beim Thema zu bleiben) wäre es also ein Masterboard für das Scrum of Scrums einzuführen.

Fazit

Das sind nur einige Maßnahmen, um für ihre agilen Sünden Buße zu tun. Ich bin sicher, sie haben noch den ein oder anderen Vorschlag und freue mich schon deshalb auf ihre Kommentare.


Dieser Artikel ist die übersetzte Fassung von „Penitence For The 7 Agile Sins„. Auf scrumphony.com berichtet Marc über seine Erfahrungen mit Scrum, Kanban und anderen nützlichen Dingen.

Titelfoto: Brandon Shea/Flickr.com (CC BY 2.0)
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